29. Sinfonie – Mozart (1774)
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Wilhelm Genazino
— Georg Büchner: Leonce und Lena.
— Genazino – Der Untrost und die Untröstlichkeit der Literatur
Das ganze Haus steht in Schlafanzügen mit der Polizei im Treppenhaus, die der Sohn einer älteren Nachbarin verständigt hat, weil er seine Mutter seit Tagen nicht erreichen kann. 30 Minuten folgt keine Reaktion auf Klopfen, Klingeln und Rufen. Dann öffnet sie ganz verdutzt die Tür und erklärt sich mit “Ich gucke halt gerade Fußball”. Polizei lachend ab.
— D. F. Wallace
— Gustave Flaubert, ‘Madame Bovary’ (via decentlife)
(Quelle: totgesagt, via dedosconpolvo)
— Dostojewski: Der Idiot
– Komm, fliegen wir nach Stockholm!
– Okay.
So fangen große Geschichten an. An einem Freitag vor keine Ahnung wie vielen Wochen war es so weit.
In weiser Voraussicht hatte ich in der vorherigen Woche bereits in der Zentralbibliothek einen vollgepopelten Stockholm-Stadtführer von 1718 ausgeliehen. Dieser informierte, dass wir lieber einen Flug nach Göteborg, Norrköping oder Kattegat hätten buchen sollen, denn in Stockholm grassierte erst kürzlich die Pest. Dadurch blieb der ursprünglich naiv als Touristen-Urlaub geplante Trip immerhin spannend, wobei ich sowieso nicht anfällig für Krankheiten bin.
Schon am ersten Abend kurz nach der Ankunft vom Flughafen Arlanda unterrichteten wir die Nachbarschaft von unserer Ankunft, indem wir Klingelstreiche spielten und versuchten, in die Ukrainische Botschaft einzubrechen, da wir aus unbekannten Günden dachten, dass sie unser Hostel sei. Zum Glück machte ich nach etwa 20 Minuten einen Schritt zurück und sah: Ups, falsche Adresse. Vielleicht war es auch ein unterbewusster Selbstschutz, da man gezwungen war, in dem Hostel mit Halle Barry in der Dusche aus Gothica zu duschen und weil ich mir schon nach 2 Tagen eine Zerrung im linken Bein zuzog, da die letzte Sprosse des Hochbetts knallharte 40cm über dem Boden angebracht war und Sprünge aus solchen Höhen nunmal nicht spurlos an menschlichen Wesen vorbeigehen können. Wenn schon von Betten die Rede ist, kann ich nicht unerwähnt lassen, wie ich merkte, dass ich meine Schlafanzughose vergessen hatte und vor meinem inneren Auge der Moment ablief, wie ich am kommenden Tag total NATIVE im H&M eine kaufen würde.
Wenn es doch bei der Leggins für ich-habe-mich-nicht-getraut,-noch-mal-auf-den-Kassenzettel-zu-gucken Kronen geblieben wäre, doch wie meine Oma schon zu sagen pflegte: Schweden ist teuer, Stockholm ist teurer. So schaffte ich es dann am folgenden Tag für zwei Bier, die anscheinend für die Zwerge von Schneewittchen entwickelt wurden, 126 SEK auszugeben.
Während der gesamten Zeit wurde mir von traurig blickenden Schweden wieder und wieder deutlich gemacht, dass mein aktiver Wortschatz nicht viel weiter reicht als „Jag vill inte talar svenska nu“. Aber immerhin wurde mir von einigen Seiten bestätigt, dass es total süß klingt, wenn ich das sage. So schön die Schweden auch sind, wenn man sie nun mal nicht verstehen kann, ist das Unglück vorprogrammiert. Da fällt mir ein: Wenigstens den Namen Pipi Langstrumpf kann ich intuitiv ins Schwedische transferieren – wenn ihr das nicht könnt, kann ich euch auch nicht helfen und ihr solltet euch im Gegensatz zu mir schämen, euch Weltbürger zu nennen!
An den Rest des Urlaubs kann ich mich beim besten Willen nicht erinnert, weswegen wir jetzt schon wieder am Flughafen sind. Beim Abflug lautete die Durchsage wie üblich „blabla schalten Sie ihre elektronischen Geräte aus laber“ und ich kriegte Herzweh – mein erster Gedanke natürlich: Oh nein, mein Herzschrittmacher. Dann fiel mir allerdings ein: Achso, ich habe ja gar keinen. Diesen Zwischenfall kann ich eindeutig auf das durch das Gothica-Badezimmer entstandene Trauma zurückführen, weil ich das möchte. Erleichtert sang ich beim Abflug dann leise „Arlanda, Arlanda. Amigos Adios, Adios“ vor mich hin.
Stockholm, ich mag dich trotzdem und deswegen.
Der Albatros
Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen,
Das Schiffsvolk einen Albatros ergreift.
Den großen Vogel, der in lässgen Flügen
Dem Schiffe folgt, das durch die Wogen streift.
Doch, – kaum gefangen auf des Schiffes Planken –
Der stolze König in der Bläue Reich,
Lässt traurig seine mächtgen Flügel hangen,
Die, ungeschickten, langen Rudern gleich,
Nun matt und jämmerlich am Boden schleifen.
Wie ist der stolze Vogel nun so zahm!
Sie necken ihn mit ihren Tabakspfeifen,
Verspotten seinen Gang, der schwach und lahm.
Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,
Er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn.
Doch unten in des Volkes frechem Toben
Verhindern mächtge Flügel ihn am Gehn.
— Charles Baudelaire

Während wir uns bei Hattori Hanzō die Bäuche vollschlagen, kommt uns die Idee: Ist nicht Edvard Munch in der Stadt?
„Der war Alkoholiker“, kommt es hysterisch aus der einen Ecke des Saals. Eine Mitvierzigerin trappelt aus Richtung des Biografie-Rundgangs zu ihrer Freundin, wiederholt den Satz noch mal. „Ach, deswegen sind da so viele Flaschen auf den Bildern.“
Das ist doch was, denke ich mir und bewege mich zum Ursprung dieser tollen Information. Als ich versuche, mich auf den Text zu konzentrieren, drängen zwei Menschen in mein Bewusstsein.
Das ist geklebt. Die Schrift ist aufgeklebt.
Wow. Echt?
Jaja, das haben die gedruckt und dann aufgeklebt! Wenn die Ausstellung vorbei ist, dann knibbeln die das ab und streichen vielleicht noch ein bisschen drüber.
Guck mal so von der Seite hier, da sieht man das total.
Die beiden reiben ihre niedlichen roten Bäckchen an der Wand, um im richtigen Winkel dem Geheimnis der Museums-Wandtattoos auf den Grund zu gehen. Diese kleinen Forscher.
Erst schaue ich zu Boden – denk schon an Hirnschlag – falscher Alarm: ich verstehe alles und fühle mich umso belästigter von der Anwesenheit dieser Unwissenden in meiner Umgebung. Endlich ist mir auch klar, was einen Besucher in der Vergangenheit dazu bewegt hatte, eines der Munch Bilder mit seinem Messer zu attackieren. Ich reiße mich zusammen und versuche keinen Bodyslam an den Vier Mädchen in Åsgårdstrand.
„Die 10 Pfennig Kaugummis!“ sage ich zu meiner Begleitung, die ich im Verlauf des Abends immer seltener und aus immer weiterer Entfernung sehe.
Deutlich sehe ich vor mir, wie Kuratoren, Assistenz und natürlich das Hängeteam sich nach einem anstrengenden Arbeitstag am nahegelegenen Wasserhäuschen einige Kaugummis ziehen – die anfängliche Freude über die lässigen Spucketattoos wandelt sich, die Stimmung wird seriös: Guck mal, ist das nicht Edvard Munch?
Benommen von fünf Kaugummis im Mund schafft jemand eine Antwort.
Ja, echt. Hat noch jemand sowas?
Unter Kieferschmerzen vom Kauen des Kaugummiklumpens – bestehend aus mindestens sieben Kaugummis – kommt es speichelfeucht aus einer Ecke: Ich hab hier so Buchstaben. Total viele. Die passen nicht alle auf meinen Arm. Ich bin bereit zu teilen.
Eine Idee schwebt im Raum.
Ich habe eine Vision, sagt der Schlaukopf der Runde: Wir essen weiter, bis wir eine komplette Ausstellung spuckekleben können!
Alle Köpfchen nicken begeistert . Eine weitere Nacht bricht über Frankfurt herein.
Das erklärt immerhin auch die verkniffenen Augen der Aufsicht, die unsere zwei Fragezeichen Detektive leicht angewidert beobachtet.
Die Bilder habe ich mir dann auch noch angeguckt und für gut befunden – das würde ich sogar mit meiner von Angelika Kalwass zertifizierten Expertenstimme vortragen. Dass sogar die Museums-Mitarbeiter ihre iPhones zückten, wenn sie sich unbeobachtet wähnten, um ein galoppierendes Pferd oder den Mörder im Park zu fotografieren, unterstreicht meine Einschätzung: und die tragen immerhin Anzüge, die wissen was sie tun!
FYI: Seitdem die Begleitung im Foyer stehend die angrenzende Buchhandlung „Museumsshop“ nannte und ich sie erschlagen musste, habe ich sie nicht mehr wiedergesehen.
Nächstes Mal, wenn ich eine schriftliche Arbeit einreiche, werde ich mir von dem Dozenten schriftlich bestätigen lassen, dass ich sie mit dem abgesprochenen Inhalt und Umfang schreiben darf, und er nicht versucht hat, zwischen den Zeilen zu kommunizieren, dass ich sie nahe Gieboldehausen im Harz in Falsettstimme vortragen muss, um nicht durchzufallen und höchstens unter Zuhilfenahme von 30 wissenschaftlichen Quellen aus dem Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften um eben dies herumkomme.
Nachtrag: Gieboldehausen liegt natürlich im Eichsfeld und nicht im Harz, danke für den Hinweis.
Ich habe angefangen zu denken, ich habe das Leben verstanden – natürlich nur bis zu einem bestimmten Punkt, aber das reicht vorerst. Ich habe herausgefunden, dass ich mir selbst helfen kann. Dass es okay ist, zu verzweifeln, dass genau das sogar zum Leben gehört. Dabei sage ich leise „Das ist bloß das Leben“, wenn es ungemütlich wird. Es wird schnell ungemütlich und ich werde fürchterlich sentimental.
Bald habe ich drei Jahre in Kassel gelebt. Wie das überhaupt passieren konnte, weiß ich gar nicht. In meiner Erinnerung sitze ich an einem Tag noch als Praktikantin in einem Büro, den ganzen Tag debil lächelnd vor einem Computer, am nächsten schleppe ich Umzugskartons in eine kleine, leicht verwahrloste Altbauwohnung mitten in Kassels Rotlichtbezirk. An die Momente wichtiger Lebensentscheidungen kann ich mich nie erinnern.

Kassel ist keine schöne Stadt. Die Leute bemitleiden mich, wenn ich erzähle, dass ich in Kassel wohne. Sogar, wenn sie selbst in Kassel wohnen. Mittlerweile weiß ich: das größte Problem ist, dass der Konsens herrscht, dass es hier nicht auszuhalten ist. Zugreisende am Wilhelmshöher Bahnhof wenden sich schockiert ab und twittern Abschiedsbriefe, wenn sie sogar über den Hauptbahnhof fahren müssen. Es tritt sogar (besonders bei Studenten) außergewöhnlicher Fleiß auf: Das Studium wird zwei Semester unter Regelstudienzeit absolviert, um dauerhaft fernbleiben zu können. Es würde mich nicht wundern, wenn Forscher ausgerechnet hier herausfinden würden, wie das mit dem Beamen denn nun geht – angetrieben von einem panischen Fluchtinstinkt, der alle Schwierigkeiten zu überwinden vermag. Kassel ist anscheinend so etwas wie Cholera und mir war das in meiner jugendlichen (und niedlichen!!) Naivität nicht klar.

Kassel ist eine schöne Stadt. Jedes Jahr erblühen die Blumen auf dem Rosenhang auf etwa einer Million Kubikmeter Trümmerschutt, der nach dem zweiten Weltkrieg in die Karlsaue gekippt wurde. (Angeblich sah man damals Kassel sogar von Frankfurt aus brennen.) Wenn man die Wolfhager Straße entlang läuft, kann immer noch jederzeit ein Panzer an einem vorbeifahren – das ist doch was! Kassel passt eigentlich gut in diese abgefuckte Zeit, in der Trash gefeiert wird. Der hässliche Außenseiter, der auch noch eine schlimme Geschichte zu erzählen hat. Das gefällt euch doch, da erkennt ihr euch wieder.
Weiter: Die Karlsaue liegt mitten in Kassel, riesengroß. Gewohnt war ich bis dahin Anlagen, die gelb-grüne Wiese, ein paar Hecken, Bäumchen und nackte Rentner zu bieten hatten. Garniert mit Kaninchen, die wegen pestbedingtem Augenausfall verwirrt über die Wege hoppeln. Doch hier sieht man gesunde Tiere mit vollzähligen Extremitäten, zumeist ohne heraushängende Organe. Sogar die Blumen sind bunt! Und die Kasseler… die scheinen wie Stadt-Dorf-Hybride. Beides irgendwie ja und doch nein. Sie stehen links auf Rolltreppen und stellen sich in Straßenbahnen vor die Tür. Ich dachte, unter diesen Umständen könnte ich niemanden mögen, aber aus ungeklärten Gründen tu ichs doch.
Mit Museen wie dem „Museum für Sepulkralkultur“ oder dem „Astronomisch-Physikalischen Kabinett“ kann man nicht nur wegen der Namen Eindruck schinden, klingen sie doch wie aus den besten Filmen importiert.
“Batman, komm schnell, Poison Ivy plant einen Coup im Astronomisch-Physikalischen Kabinett! Angeblich will sie die Daguerreotypien stehlen!”
“Aber Robin, Bane hat sich im Museum für Sepulkralkultur dem Dreirad mit Ladepritsche, das ursprünglich dem Kasseler Hauptfriedhof gehörte, bemächtigt!”. Oder so.
Die gesamte Stadt ist übervoll von Kunstwerken, die sich selbstverständlich in das Stadtbild integrieren. Weil ich mich nie traue zu fragen, habe ich mittlerweile die Bedeutung der meisten ergooglet. Wahrscheinlich für immer in Erinnerung bleibt der „Seniorenspielplatz 67+“ mit Rollstuhl-Schaukel, Gehhilfen-Drehkreuz und Wippe für altersbedingt Gehbehinderte im Hinterhof einer Bar, für den sich dort wirklich gar niemand interessiert.
Noch bin ich nicht fort aus Kassel, aber ich weiß, dass mein letzter Sommer hier anbricht. Gewissermaßen bin ich in dieser Stadt erwachsen geworden – vom Anfang, als ich laut “Ich habe mich selbst ins Exil geschickt” ins Telefon jammerte, bis hierhin, war es ein interessanter Weg. Mit dem Jammern habe ich zwar noch nicht aufgehört, allerdings bin ich mittlerweile viel überzeugender darin geworden. Jetzt Schluss mit den Sentimentalitäten, ich halte es selbst kaum noch aus.
— Marcel Proust